Ich wünsche dir nicht
ein Leben ohne Entbehrung,
ein Leben ohne Schmerz,
ein Leben ohne Störung.
Was solltest du tun mit einem solchen Leben?
Ich wünsche dir aber,
dass du bewahrt sein mögest
an Leib und Seele.
Dass dich einer trägt und schützt
und dich durch alles,
was dir geschieht,
deinem Ziel entgegenführt.
Dass du unberührt bleiben mögest
von Trauer,
unberührt vom Schicksal anderer Menschen,
das wünsche ich dir nicht.
So unbedacht soll man nicht wünschen.
Ich wünsche dir aber,
dass dich immer wieder
etwas berührt,
das ich dir nicht so recht beschreiben kann.
Es heißt „Gnade“.
Gnade ist ein altes Wort,
aber wer sie erfährt,
für den ist sie wie Morgenlicht.
Man kann sie nicht wollen
und nicht erzwingen,
aber wen sie berührt,
der weiß: Es ist gut.
Ich wünsche dir nicht
ein Leben ohne Mühe
und ohne Herausforderung.
Aber ich wünsche dir,
dass deine Arbeit nicht ins Leere geht.
Ich wünsche dir
die Kraft der Hände
und des Herzens.
Und ich wünsche dir
- mit einem alten Wort
wünsche ich es –
dem Wort „Segen“:
dass hinter deinem Pflug
Frucht wächst,
Brot für Leib und Seele,
und dass zwischen
den Halmen
die Blumen nicht fehlen.
Denn wie der Mensch
nicht vom Brot allein lebt,
so wächst auch das Brot
nicht durch den Menschen allein,
sondern durch den Segen dessen,
dem das Feld und die Saat gehören.
Das Brot wächst durch die Kraft
dessen, dem die Erde dient
und der Himmel,
die Sonne und der Regen.
Dass in deiner Kraft
seine Kraft ist,
das vor allem,
das wünsche ich dir!
Nach Jörg Zink: Mehr als drei Wünsche, Stuttgart 1983 |